Smart City: Den Tiger reiten oder wie smart will Rüsselsheim werden?

Achim_Weidner Warum wir einen „Stadtentwicklungsdiskurs digital” brauchen

von Achim Weidner

Dieser Beitrag befasst sich mit der Frage, was ist eine Smart City und was könnte das konkret für Rüsselsheim am Main bedeuten.

Jede Zeit und jede Profession hat ihre Schlagwörter. Da wird vegan gegessen, achtsam auf den Bauch gehört oder die Industrie mit einem Update auf das Versionslevel 4.0 gehoben. Während der Rest der Welt vom „Internet der Dinge“ (IoT) spricht, übernimmt das Reich der Mitte, in seinem Masterplan „Made in China 2025“, die Botschaft der deutschen Maschinenbauer. Da muss man nur KUKA sagen, und alle wissen Bescheid. Und wer mit KUKA nichts anfangen kann, der findet im Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim den gleichnamigen und einarmigen Roboter.

Foto: Ausstellung “Rüsselsheim nach 1945

Foto: Ausstellung “Rüsselsheim nach 1945

Der hatte in seiner aktiven Zeit bei Opel präzise Schweißnähte gesetzt. Sein Standort ist im Museum schnell gefunden. Er steht in der Abteilung “Rüsselsheim nach 1945”, genau am Übergang zur letzten Installation, dort wo es um die Globalisierung geht und gezeigt wird, woher die Teile für einen Autositz kommen.

Was macht „Drei gewinnt“?

Städtenetzwerk Fernost Dreigewinnt

Städtenetzwerk Fernost Dreigewinnt

Die Städte Rüsselsheim am Main, Raunheim und Kelsterbach haben sich zur interkommunalen Zusammenarbeit in der Formation „Drei gewinnt“ zusammengeschlossen. In diesem Rahmen wurde mit dem mit dem chinesischem Telekommunikationsanbieter ZTE eine Kooperation geschlossen. Ergebnisse werden voraussichtlich auf dem Hessentag 2017 vorgestellt und auf der CeBIT zu sehen sein, wie bei der Recherche zu diesem Artikel zu erfahren war. Es wird also in diesem Zusammenhang ein Smart City Projekt geben.

Smart City, also die intelligente Stadt, basiert auf kybernetischen Rückkopplungsschleifen vernetzter Systemen, umfassender Sensorik, Datenerfassung und Analyse (Big Data). Und auf die rhetorische Frage, wo es denn bitteschön einen „Smart City”-Ansatz in Rüsselsheim gäbe, würde ich zurzeit auf folgende Beispiele hinweisen:

  • Die Busse der Stadtwerke Rüsselsheim sind Teil des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV), und in diesem Zusammenhang sind die Stichworte Ampelsteuerung, Onlineticket, Standortüberwachung relevant. In diesem Zusammenhang verweise ich auf den im Blog publizierten Artikel „Wie sich die Mobilität in der Region entwickeln wird”.
  • Die Stadtwerke Rüsselsheim befassen sich auf Grund gesetzlicher Vorgaben, die im Rahmen der Energiewende für die Bereiche Gas-, Wasser- und Stromversorgung erlassen worden sind, mit dem Thema Smart Meter (intelligente Zähler). In diesem Werkbuch-Blog ist die Smart Meter Problematik aus verschiedenen Blickwinkeln heraus beschrieben worden.
  • Im GPR-Klinikum werden Patientendaten im Terabyte-Bereich erfasst und verwaltet.
  • Auch der neu gegründete Städteservice Raunheim Rüsselsheim AöR ist Hotspot von zahlreichen Nutzerdaten und Geoinformationen.
  • Auch der Ticketverkauf durch das Theater Rüsselsheim, die Jazz-Fabrik und die Stadtbücherei kann unter dem Stichwort Smart City und nutzerbezogene Serviceangebot aufgezählt werden.
Glasfaser inside

Glasfaser inside

In diesem Kontext ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass die Stadt Rüsselsheim am Main beschlossen hat, ein flächendeckendes Glasfasernetz auszubauen. Und neben diesem Netz sorgt der Mobilfunk für weitere Möglichkeiten des Datenaustauschs.

Zu Smart City gehört auch das Smartphone, das vor kurzem mit dem iPhone seinen 10. Geburtstag feiern konnte. Der Grundstein ist gelegt und muss mit einem Begriff verbunden werden, eben mit Smart City. Begrifflich kann so der der Raum geschaffen werden für Assoziationen und Kreativität.

Wie müssen offene Systeme aussehen?

Den Tiger reiten

Den Tiger reiten

Und damit meine ich nicht eine falsch verstandene Vernetzung aller Geräte in einer monolithisch und orwellsch-gedachten Über-Datenwolke. Ich denke an offene Systeme mit definierten Schnittstellen und klaren Regeln über den Flow der Daten.

Im Grunde genommen verfügen wir über die materielle Basis von Hardware und Software. Die Aufgabe besteht letztlich darin, Geschäftsmodelle und Anwendungen zu arrangieren und zu erfinden, die nützlich für die Gesellschaft sind, weil sie Ressourcen schonen, Vorteile für den Einzelnen bringen und neue Impulse geben können.

ZTE

ZTE

Es ist nun fraglich, wie der eingangs erwähnte Kooperationsvertrag mit dem Big Player ZTE für die Akteure vor Ort ausgestaltet ist. Denn schließlich haben wir die Chance, den Tiger zu reiten, wenn er denn schon im Ort ist. Im Folgenden möchte ich ein paar Stichworte aus dem städtischen Alltag aufgreifen und diese mit Ideen aus der Smart City Welt aufpeppen und daraus lokale „Moonshoots“ anregen.

Löst die Rüsselsheim-App die Parkplatzsorgen?

Rüsselsheim App

Rüsselsheim App

Befreien wir uns doch einmal von der liebgewonnenen Vorstellung, jeder müsse ein Auto besitzen. Wie wäre ein Rüsselsheim, das langfristig ohne Parkplätze auskommt? Wie wäre es mit Verkehrssystemen, die man von 6 bis 99 Jahren nutzen könnte. Wie wäre es mit selbstfahrenden Autos, die man über die Rüsselsheim-App aus dem Dicken Busch, Alt-Haßloch, Kelsterbach, Trebur, Raunheim, Bauschheim ordern könnte. Selbstfahrende Autos mit dem Blitz auf der Haube, als einem guten Beispiel für „Umparken im Kopf“.

Mit einer solchen Strategie würde sich auch nicht die Frage stellen, wie zum Beispiel ältere Menschen ins Theater, in die Innenstadt, ins Krankenhaus, ins Fitnesscenter oder zum Bahnhof kommen. Es kommt nicht darauf an, dass die Stadtwerke Rüsselsheim in Zukunft eine Busflotte auf dem Hof oder den Straßen haben und ihr eigen nennen, sondern dass Mobilität neu organisiert und angeboten werden kann.

Velodyne Europe in Rüsselsheim

Velodyne Europe in Rüsselsheim

In diesem Zusammenhang ist aktuell zu erwähnen, dass vor kurzem in der Rüsselsheimer Innenstadt eine Präsentation der Velodyne Europe stattfand. Das Unternehmen mit seinem Hauptsitz in kalifornischen San Jose (Silicon Valley) und Niederlassungen in Peking und Rüsselsheim stand unter dem Motto „Ein Stück Silicon Valley in Rüsselsheim – maßgeblicher Technologietreiber in der Entwicklung von Lasersensoren für autonome Navigation öffnet seine Türen“.

Das Unternehmen, das Kooperationen mit Technologiepartnern am Standort Rüsselsheim am Main sucht, rüstet auch die berühmten Google-Cars aus und war Teilnehmer der DARPA Urban Challenge für Roboterfahrzeuge. Mit der Ausschreibung des Preises sollte die Entwicklung vollkommen autonom fahrender Fahrzeuge vorangetrieben werden. Mit der Technik von Velodyne sind auch die bekannten Google-Cars ausgestattet, und das Unternehmen arbeitet bestens mit Opel/GM und PSA zusammen. Keine schlechte Sache!

Auch die städtische Wohnungsbaugesellschaft gewobau ist schon irgendwie smart. Heute bietet man generationsübergreifendes Wohnen an. Aber auch hier gibt es Schnittstellen im Bereich von Fernwartung oder das Online-Portal www.wohdi.de, auf dem Dienstleistungen rund ums Wohnen angeboten werden und das sich für Partner aus der Wirtschaft geöffnet hat.

Was heißt das für Gewerbe, Einzelhandel und Dienstleister?

Auch die Unternehmen in Rüsselsheim aus den Bereichen Gewerbe, Einzelhandel und Dienstleistungen könnten sich verbinden, um neue Leistungs- und Servicepakete zu schnüren. Und dabei wäre es vollkommen egal, in welchem Stadtteil das Unternehmen beheimatet ist. Objektiv haben wir in Rüsselsheim am Main alles an Zutaten, um an einer smarten Stadt zu arbeiten. Die Entscheidung fällt nicht durch kluges Reden und Aufsätze schreiben, sondern es muss praktisch getan werden und gewollt sein.

Vernünftig wäre es, wenn der augenblicklich laufende Stadtentwicklungsdiskurs zu einem geeigneten Zeitpunkt seine Fortsetzung zum Thema Smart City finden würde. Er könnte sich als Stadtentwicklungsdiskurs II digital einreihen. Projekte mit solchen tiefgreifenden Wirkungen, wie die digitale Transformation der Gesellschaft, dürfen nicht alleine den technikaffinen Menschen überlassen bleiben.

Und gerade im Hinblick auf die Kinderuniversität, das Stadt- und Industriemuseum und die Volkshochschule gäbe es Institutionen, die an einem breiten gesellschaftlichen Diskurs mitmachen könnten. Und zum Schluss möchte ich die Hochschule Rhein-Main erwähnen, die sicherlich schon aufgrund ihrer Ausrichtung auf die Studienbereiche Maschinenbau, Informationstechnologie und Elektrotechnik, Physik sowie Umwelttechnik und Dienstleistung bestens in das Bild passt.

Mein Fazit

Wenn ich meinen Text, den ich aus einem Guss geschrieben habe lese, fällt mir auf, dass auch dieser noch in einem “alten” Denken gefangen ist. Eigentlich müsste, wo im Text „Rüsselsheim“ steht, in der Dimension von „Drei gewinnt“ (= Rüsselsheim, Raunheim, Kelsterbach) gedacht, geschrieben und organisiert werden. Zugegeben ist das aus verschiedenen Gründen schwierig. Aber ich wollte es hier zu Protokoll gegeben, weil dieses Werkbuch auch eine Aufforderung zum Meinungsaustausch und zur Diskussion ist.

Als Fazit kann ich sagen, dass das Schlagwort „Smart City“ den Anspruch formuliert, das zunehmend urbane Leben auf der Erde durch eine technologische Fundamentierung in den Metropolregionen zu gewährleisten. Im Grunde ist es eine weitere Ebene von Netzwerken, die wir schon von der Wasser-, Gas-, Strom-, Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur kennen und die wie wir als gegeben hinnehmen. In diesem Sinne sollten wir den Tiger reiten, der uns in Gestalt eines globalen Akteurs durch einen Kooperationsvertrag verbunden ist. Es liegt nur an uns, ob die Stadt Rüsselsheim am Main smarter wird. Das Potenzial ist da.

Nachtrag zur CeBIT 2017 mit einem Interview mit der Pressesprecherin von ZTE


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2 Gedanken zu „Smart City: Den Tiger reiten oder wie smart will Rüsselsheim werden?

  1. schade, dass Nauheim, der direkte Nachbar von Königstädten, und auch nicht so arm, nicht aus dem Projekt der drei eines von vieren macht.

  2. Danke für den Kommentar und Hinweis auf die interkommunale Zusammenarbeit von #Dreigewinnt. Haben Sie schon einmal im Rathaus von Nauheim nachgefragt, ob es Bemühungen gibt sich mit dem Thema zu befassen?

    Achim Weidner

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