Zwei Busse, die zählen können

Digitalisierung im ÖPNV: Stadtwerke Rüsselsheim erfassen Zahl der Fahrgäste, um besser planen zu können

von Reinhard Blüm

Wie viele Fahrgäste einen Bus benutzen, wurde früher von Hilfskräften durch Zählung mit Strichlisten ermittelt. Der technische Fortschritt hat automatische Systeme zur Ermittlung der Fahrgastzahl auch in die Busse in Rüsselsheim am Main gebracht. Der Beitrag beschreibt die Systeme und die Umsetzung in der Praxis.

Stadtbus

Stadtbus

Warum werden die Fahrgäste gezählt?

Die Fahrgastzählung wird nicht für die Abrechnung der Fahrscheine benötigt, dafür sind die Bordrechner der Busse verantwortlich. Hinsichtlich der Rentabilität einzelner Linien und der Auswirkungen von Fahrplanveränderungen sind die Verkehrsbetriebe aber auf die Anzahl der Fahrgäste angewiesen, die an einer Haltestelle ein- oder aussteigen. In der Vergangenheit konnten aufgrund des großen Aufwands bei der manuellen Zählung lediglich kurze Zeiträume beobachtet werden. Zwischen den Zählungen vergingen Monate oder Jahre, für die keine Daten vorlagen. Aktuelle Anpassungen können mit dieser Datenlage nicht abgeleitet werden. Die Auswertung von einfachen und anonym erfassten Fahrgastzahlen hilft enorm, den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auf eine tatsächlich nachgefragte Leistung hin zu optimieren. Sinn solcher Untersuchungen ist es einerseits, den Auslastungsgrad der jeweiligen Linienfahrt zu erfassen, andererseits aber auch, optimale Fahrzeiten zwischen Start und Ziel sowie den dazwischenliegenden Haltepunkten zu bestimmen.

Wie funktioniert moderne Fahrgastzählung?

Wo jahrzehntelang Scharen von Helfern, meist Studierende und Schüler, in den Bussen versuchten, mehr oder weniger exakt alle ein- und aussteigenden Fahrgäste zu erfassen, dienen heute digitalelektronische Zählsysteme in Verbindung mit GPS-Ortserfassungsgeräten und Auswertungssoftware dem gleichen Ziel, jedoch mit erweiterten Qualitätsanforderungen.
Die Stadtwerke Rüsselsheim setzen ein System des Herstellers Mabinso (www.mabinso.de) ein. Das Unternehmen liefert ein System aus Sensoren, Datenübertragung und Datenauswertung. Die interessanteste Komponente des Systems dürfte hierbei die Zähleinheit IRMA sein.

Ihre Aufgabe besteht darin, aus- und einsteigende Fahrgäste zu erfassen und den dabei entstehenden Zählimpuls an eine nachfolgende Zähleinheit zu leiten.

Die Sensoren werden im Fahrzeug oberhalb der Türen installiert und schauen von dort auf den Türbereich herab. Die Sensoren senden dabei ständig IR-Lichtpulse aus, die entweder vom Fußboden des Fahrzeuges oder von den Fahrgästen reflektiert werden. Ein Teil des reflektierten Lichtes wird von den Sensoren registriert und ausgewertet. Die Sensoren sind aktive Infrarotsensoren, die Licht der Wellenlänge von 870 Nanometer (nm) verwenden. Jeder Sensor enthält zwei Infrarotsender und vier Infrarotempfänger.
Alle im Sensor erzeugten Signale werden verstärkt, digitalisiert und zum Analysator übertragen. Dieser ermittelt aus den Sensorsignalen die Anzahl der gezählten Ein- und Aussteiger pro Tür. Nach Herstellerangaben ist es möglich zwischen Menschen, Tieren oder Gegenständen (zum Beispiel Fahrrad) zu unterscheiden. Der Verkehrsbetrieb der Stadtwerke Rüsselsheim sieht aktuell jedoch keine Notwendigkeit für diese Unterscheidung.

Nach der Erfassung der Daten und deren örtlicher und zeitlicher Zuordnung werden diese im Fahrzeug zwischengespeichert, nach Fahrtende per WLAN ausgelesen und an einen externen Server des Systemanbieters weitergeleitet, wo die Aufbereitung, statistische Zuordnung und Darstellung der Ergebnisse durchgeführt wird. Anschließend stehen den Planern alle Informationen via Internetbrowser zur Verfügung.

Damit aus den Zähldaten (Anzahl ein- oder aussteigender Fahrgäste an allen Türen) verwertbare Daten werden, müssen sie mit anderen Informationen verknüpft werden wie der Liniennummer, der Uhrzeit, dem Ort (Haltestelle) sowie dem hinterlegten Fahr- und Umlaufplan.

Wo sind die Grenzen der automatischen Fahrgastzählung?

Im Gegensatz zur personell gestützten Untersuchung können automatisierte Zählsysteme wenig zur Frage beitragen, ob die Linie überhaupt eine tatsächlich nachgefragte Strecke abdeckt; hier sind direkte Quell-Ziel-Befragungen des Fahrgastes immer noch unerlässlich. Aber auch dies wird sich in Kürze ändern: Bei Nutzung von personalisierten elektronischen Zu- und Ausstiegsmesssystemen wie besonderen e-Tickets, die der Fahrgast mit sich führt, erfährt das System und damit der Planer auch die tatsächliche Gesamtfahrtkette und kann den Linienweg wie auch den Fahrplan dahingehend optimieren.

Zur Verbesserung der Aussagekraft wäre es sinnvoll, die Messgeräte in allen Fahrzeugen einzubauen. Aus wirtschaftlichen Gründen ist das bisher nicht der Fall. Derzeit sind beim Verkehrsbetrieb der Stadtwerke Rüsselsheim zwei Omnibusse (ein Standardbus und ein Gelenkbus) mit den Sensoren ausgestattet.

Natürlich können mit zwei Zählfahrzeugen nicht kontinuierlich alle Fahrten aller Linien gemessen werden. Um einen gleichmäßigen Einsatz der beiden Zählfahrzeuge im Sinne einer ausreichend genauen statistischen Sicherheit zu erreichen, werden die Fahrzeuge in der Einsatzplanung wiederkehrend auf alle Linien verteilt. Damit werden im Laufe der Zeit sämtliche Linienwege statistisch ausreichend sicher abgedeckt.

Wie sieht eine Auswertung aus?

Ein Beispiel soll das verdeutlichen. Nachstehend finden Sie die typische Auswertung von Linienfahrten der Linie 42 um 7.20 Uhr an Werktagen von Jahresbeginn 2017 bis heute. Auf der X-Achse sehen wir die Haltestellenabfolge, auf der Y-Achse die durchschnittliche Anzahl der Fahrgäste, die sich im Bus befinden beziehungsweise ein- und aussteigen.

Die Graphik lässt erkennen, dass offenbar viele Schülerinnen und Schüler den Bus nutzen, um von Königstädten aus zum Immanuel-Kant-Gymnasium und zum Max-Planck-Gymnasium (Haltestelle Adam-Opel-Straße) zu gelangen. Zudem lässt sich auch erkennen, wann der Bus maximal ausgelastet ist und an seine Kapazitätsgrenzen gelangt.

Fazit

Einmal jährlich zum Fahrplanwechsel des RMV im Dezember korrigiert der Verkehrsbetrieb der Stadtwerke Rüsselsheim den Fahrplan der städtischen Buslinien und passt ihn aktuellen Gegebenheiten an. Seit er über das Hilfsmittel der automatischen und kontinuierlichen Fahrgastzählung verfügt werden „Versuch und Irrtum“ einer bisher durch Erfahrungswerte qualifizierten Abschätzung ersetzt durch statistisch abgesicherte Daten, um das Angebot im ÖPNV mit der Nachfrage zu vergleichen und sinnvoll anzupassen.


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